Playground, Andela Riedel, 4 Kommentare

Event­manager: Traumjob mit Stress­faktor

Eine Studie von CareerCast.com 2016 hat es in sich: Denn wer hätte gedacht, dass der Beruf des Eventmanagers auf Platz 5 der stressigsten Jobs der Welt landet? Gleich hinter dem Soldaten im Einsatz, dem Feuerwehrmann, dem Piloten und dem Polizisten, wohl gemerkt. Ich finde, das schreit nach einem kleinen Realitätscheck.

Na, herzlichen Glückwunsch aber auch!

Schafft man es unter die Top 5 einer Weltrangliste, hat man im Normalfall eine Menge Arbeit geleistet.

Schafft man es aus dem Grund, dass man einen der stressigsten Jobs der Welt hat, muss man sich unweigerlich fragen: Soll ich mich jetzt geehrt fühlen? Klopfe ich mir auf die Schultern und nehme mich besonders wichtig? Oder setze ich mich voll bekleidet mit einer Flasche Rotwein in die Duschkabine und lasse kaltes Wasser auf mich regnen?

Drama beiseite: Gibt es eine normale Erklärung dafür, warum der Job eines Eventmanagers so stressig und nervenaufreibend ist? Die gibt es.

A mile in my shoes.

Oder: Das ganz normale Chaos.

WHATSINMYBAG_FINAL13:00 Uhr:

Letzter Check vor der Generalprobe. Natürlich läuft nichts, wie es soll. Die Technik will noch nicht so ganz, der Ansprechpartner erklärt mir entspannt die Problematik, während ich vor lauter Fachbegriffen nur noch Bahnhof verstehe. Moderator und Tänzer stecken im Stau. Die Zufahrt zur Location ist von einem REWE Lebensmittellaster blockiert und der Caterer schleppt über eine Seitenstraße die Speisen an.

Die Bestuhlung ist außerplanmäßig breit, so dass einige der Fluchtwege zu eng sind. Oh, und dann kommt die Projektassistenz um die Ecke mit einer Memo aus dem Teilnehmermanagement: Es werden nun spontan noch etwa 30 Personen zusätzlich anwesend sein.

Äußerlich bin ich die Ruhe selbst. Innerlich brodelt der Vulkan. Der Kunde kommt in T-1h. Bis dahin muss alles finito sein. Hätte ich doch nur im Hotel gefrühstückt, anstatt mich für 10 Minuten nochmal hinzulegen.

14:13 Uhr:

Der Kunde ist früher als geplant erschienen. Zum Glück hat die Technik eine Lösung gefunden, während ich mich halb entspannt um den Kunden kümmern kann. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie meine Messebauer mehrere Stehtische entfernen, um Platz für eine weitere Sitzreihe zu machen. Was soll’s – vielleicht fällt es ja nicht auf.

Der Moderator spaziert entspannt durch die Eingangstür. Hinter ihm der Assistent, vollgepackt mit zwei Koffern und einem Kleiderbeutel. Der Arme…

Keine Zeit für Mitleid! Die ersten Jingles laufen durch. Der Regisseur leistet gute Arbeit mit dem CEO. Immerhin, ein kleiner Lichtblick. Im Vergleich zu einigen Diven, die ich auf der Bühne bereits erlebt habe, ist das hier das reinste Kinderspiel.

15:48 Uhr:

Die Generalprobe verlief soweit gut. Der Moderationsleitfaden wird gerade umgeschrieben – natürlich! Inzwischen bereits zum dritten Mal. Doch ich bin die Ruhe selbst.

Um 17:00 Uhr öffnen sich die Türen, eine Stunde später geht die Show los. Die Tänzer sehen ausgehungert aus, aber sie werden schon wissen, was sie tun…

15:55 Uhr:

…oder auch nicht. Eine Tänzerin ist gerade umgekippt. Scheint aber alles okay zu sein. Habe ihr einen Saft gebracht, während ihr Manager ihr die Beine hochlegt. Sag ich doch: ausgehungert! Apropos: Ich sehe mal beim Caterer nach, ob es schon was zu futtern gibt.

16:23 Uhr:

Pustekuchen. Mmmmh, Kuchen… Halt! Keine Ablenkung. Das mit dem Essen klappt nicht. Der Caterer hat zwar Häppchen parat, aber auf einmal höre ich laut meinen Namen durch die Location schallen: “Gott, bist du’s?” Nein. Die Regie. Ein Problem mit der Medienpräsentation. Mit der Änderung des Moderationsablaufs gibt es auch Änderungen in der Leinwandbespielung. Die Reihenfolge wurde geändert, das Abspielgerät muss aber dafür neu programmiert werden. Fcuk. Rechtschreibfehler beabsichtigt.

Flash Forward.

Oder: Wenn doch alles gut wird.

21:34 Uhr:

Es gibt keine halbe Stunde, in der nicht eine neue Herausforderung warten würde. Das ist übrigens noch so eine Sache, die mit einem stressigen Beruf einhergeht: Ich habe gelernt, Probleme “Herausforderungen” zu nennen. Eigentlich finde ich das affig, aber wenn ich ständig mit Problemen konfrontiert bin, geht das an die Substanz. Ein Problem ist groß. Übermächtig. Herausforderungen können überwunden werden.

Karl Valentin hat einmal gesagt:

„Ich freue mich wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Getreu diesem Motto lächle ich tapfer weiter. Denn wenn ich nicht lächle, läuft auch alles quer. Zumindest wird so niemand verunsichert – zuallererst nicht mein Team, das ich motiviert und am Ball brauche.

Zurück zur Veranstaltung: Die Show geht in das Abendessen über, das Abendessen zum Dessert. Und gleich fängt die Party an. Glücklicherweise kümmert sich ein Kollege um die Künstler, die gleich auftreten werden, so dass ein Großteil meiner Aufgaben erledigt ist.

Dennoch stehe ich unter Strom. Es sind einige Kleinigkeiten schief gelaufen. Zwar hat die niemand bemerkt, weil sie hinter den Kulissen aufliefen, aber umso mehr bemerke ich sie jetzt. Platt, müde, hungrig. Aber den Gästen geht’s gut. Und während ich ihnen zusehe, wie sie den warmen Schokokuchen mit flüssigem Kern verspeisen, sehne ich mich nach meinem eigenen schokoladigen Glück.

Da kommt mir auch schon der Catering-Leiter entgegen. Mit einem Glas Scotch on the Rocks: “Lass es dir gut gehen! Du hast’s hinter dir…” Mit einem Lächeln bedanke ich mich und stehle mich nach hinten, um mich kurz zu setzen.

23:17 Uhr:

Beste Party. Überhaupt. Der Marketingchef hat das Hemd aufgeknöpft und zum Limbo aufgefordert! Ich habe inzwischen meine Kitten Heels gegen Sneakers ausgetauscht. Hinten in der Ecke zündet sich der CEO gerade eine Zigarre an. Rauchverbot. Welches Rauchverbot?!

Ich feuere die Limbo-Crew an. Da legt jemand den Arm um meine Schulter: “Mega! Mega Party, toll! Wirklich, alles war so toll!” Meine Kundin lacht mich seelig an. “Und hast du den Kuchen probiert? Wahnsinn!” Als sie hört, dass ich noch keinen hatte, zieht sie mich entrüstet in die Küche.

FOODPORN_FINAL23:33 Uhr:

Ja, okay. Stress beiseite, das war’s wert. Ich sitze barfuß bei offenem Fenster auf dem Fensterbrett in der Küche und entferne mir umständlich mit der Zungenspitze die Schokoladensauce aus dem Mundwinkel, während der Caterer zusammenpackt.

Das Katerfrühstück mit der Kundin am nächsten Tag ist schon verabredet. Sie ist privat übrigens wirklich nett und wir haben festgestellt, dass wir beide dasselbe Fitness-Studio besuchen!

Und während ich mich noch in ihrem Lob und ihrer Zufriedenheit sonne, höre ich wieder meinen Namen. Dieses Mal quer durch die Küche. Mein Team will jetzt tanzen. Okay. Ich auch. Das haben wir uns verdient. Bis Feierabend haben wir noch ca. vier Stunden vor uns. Und die können wir genauso gut auf der Tanzfläche verbringen. Im Vorbeilaufen schnappe ich mir einen Besenstiel aus der Küche. Mal sehen, ob ich dem Titel „Limbo-Queen Club Robinson 2013“ noch gerecht werde.

Hand aufs Herz.

Ja, ich gebe es zu: Dieser Ausflug in das Leben eines Eventmanagers ist ein wenig überspitzt. Aber eigentlich auch nicht wirklich, denn ich persönlich habe schon durchaus schwierigere Fälle erlebt. Und das ist es, was diesen Beruf so stressig macht. Mitunter.

Denn neben einer kurzen Vorlaufzeit in Sachen Planung, komplizierten Pitchverfahren und dem ständigen Druck in Form von knappen Budgets sind es vor allem unvorhersehbare und nicht steuerbare Dinge, die die Arbeit zur Herausforderung (man beachte die Wortwahl!) werden lassen.

Meine Kunden vertrauen mir. Da muss einfach alles stimmen – auch die Leistung der Partner und Servicefirmen, die ich beauftrage. Ich steuere Termine und Deadlines, reporte an Kunden und führe zudem ein Team an Projektleitern und Assistenten. Zugegeben: Auch das variiert je nach Projektgröße und -aufwand.

Das heißt aber nicht, dass dieser Job NUR stressig ist. Denn so nervenaufreibend die Zeit kurz vor der Veranstaltung sein kann, so schön ist es auch, wenn alles wie geplant über die Bühne geht und alle Anwesenden glücklich sind. Außerdem muss ich konstant über mich hinaus wachsen. Ich lerne neue Menschen und neue Orte kennen. Bin an der Quelle neuer Trends und Technologien.

Am Ende des Tages sollte man wissen, worauf man sich als Eventmanager einlässt. Dann aber kann man eine tolle Zeit haben. Also: Augen auf bei der Berufswahl! Denn auch wenn man kein Feuerwehrmann werden möchte, muss man als Eventmanager durchaus ab und zu ein Feuer löschen. Außerdem wachsam wie ein Polizist sein. Team-Disziplin zeigen wie ein Soldat. Und auch ohne Doktortitel das ein oder andere Wehwehchen versorgen. Am besten man ist ein Überflieger – wie ein Pilot. Aber das versteht sich ja von selbst.

Andela Riedel

Für Concept Designer Angie steht Kreativität nicht nur beruflich auf der Tagesordnung: Literatur, Lettering und Design gehören zu ihren Passionen. Ob strategische Kreativkonzepte oder spontane Sketchnotes – die studierte Medienwissenschaftlerin hinterlässt originelle Spuren.

Andela Riedel

4 Kommentare

  1. Profilbild von Jutta Schültke
    Jutta Schültke

    Danke für diesen Beitrag! Kann ich so nur bestätigen, da absolut aus dem (Event-)Leben gegriffen 🙂

    1. Profilbild von Stephanie Grupe
      Stephanie Grupe

      Lieben Dank, Jutta, für diese Bestätigung! Es freut uns sehr, dass wir den Alltag des Eventmanagers aus Ihrer Sicht so gut treffen konnten!

      Herzliche Grüße von
      Stephanie Grupe und dem Kaleidoscope-Team

  2. Profilbild von Annette Beyer
    Annette Beyer

    … und wenn`s dir in 25 Jahren mal reicht mit dem ganzen Stress, liebe Angie, wirst du so `ne entspannte Hinterzimmer-Kreative wie ich. Dafür muss man auch was können: Knackig Schreiben! Und das kannst du mindestens genauso gut wie managen. Toller Text!

    1. Profilbild von Andela Riedel
      Andela Riedel

      Liebe Annette, danke für die Blumen! Ich freue mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat – I learned from the best!

      Viele Grüße aus München von
      Angie und dem Kaleidoscope-Team

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